Liebe Frau Lehmann, ich habe mein Manuskript fertig, wie gehe ich jetzt vor?

Könnten Sie mir ein paar Tipps geben?

Liebe Frau ... 
lieber Herr ...,
vielen herzlichen Dank für Ihren Brief. 

Ich gratuliere Ihnen zum ersten fertigen Manuskript. Natürlich hoffe ich, dass Sie auch gleich einen Verlag finden. Aber ich habe mindestens drei Romane geschrieben, bevor der erste von einem Verlag angenommen wurde. Also lassen Sie sich nicht entmutigen. Angehende Schriftsteller/innen brauchen eine große Frustrationstoleranz. Aber vielleicht haben Sie auch Glück. 

Am Geschicktesten wäre es, Sie würden sich einen Literaturagenten suchen. Die bieten sich im Internet an. Worauf Sie achten sollten: Die Literaturagentur sollte kein Geld nur fürs Lesen oder Lektorieren des Manuskripts nehmen. Üblicherweise wird bezahlt erst nach Vermittlung des Skripts an einen Verlag. Dem Agenten stehen ca. 16 % Ihres Honorars als Autorin zu. Und Sie bekommen vom Verlag zwischen 5 und 9 % pro Ladenpreis für ein verkauftes Buch angeboten. Literaturagenten sind deshalb von Vorteil, weil sie die Verlage und die Lektoren persönlich kennen, und Lektor/innen ihrem Urteil vertrauen. Sie wissen genau, wem sie ein Buch anbieten können, und sie handeln auch zu Ihrem Vorteil den Vertrag aus. 

Wenn Sie selber einen Verlag suchen und einen finden, bekommen Sie in der Regel einen Normvertrag (wie er zwischen dem Verband deutscher Schriftsteller/innen und dem Börsenverein des deutschen Buchhandels ausgehandelt wurde). Da sollten als Honorar für Sie mindestens 5 % des Ladenpreises drin stehen. Auf keinen Fall sollten Sie Ihr Buch einem Verlag geben, der bei Ihnen für den Druck Geld kassiert etwa in Form eines Druckkostenvorschusses oder der Bezahlung für einen Lektor. 

Wenn Sie selber einen Verlag suchen wollen, dann gehen Sie in die Buchhandlungen und schasuen Sie, welcher Verlag so ähnliche Bücher veröffentlicht, wie Sie eines geschrieben haben. Ihr Buch muss ins Verlagsprogramm passen. Stellen Sie darauf ein, dass Sie Ihr Buch einem Dutzend Verlagen schicken müssen. Das schicken Sie natürlich nicht mehr als Papier, sondern per E-Mail. Viele Verlage bieten auf Ihrer Internetseite eine Adresse an, an die man Skripte schicken kann. Wenn nicht, rufen Sie dort an und erkundigen Sie sich. 

Wenn man ein Skript anbietet, tut man es in folgender Form: 

1. Mit einem Anschreiben (vermutlich per E-Mail). Das richtet sich an den Lektor oder die Lektorin (wenn Sie einen Namen kennen, um so besser). Darin sagen Sie, dass Sie Ihren Roman, Ihre Erzählungen, Ihren Krimi anbieten, weil Sie meinen, das Buch passt ins Verlagsprogramm. Sie sagen wer Sie sind, wie alt Sie sind und ob Sie bereits veröffentlich haben, und wenn ja, wo und was. (Verlage wollen vor allem wissen, ob die Autorin imstande ist, ein zweites und drittes Buch zu schreiben.) Und Sie teilen mit, dass Sie hiermit ein Exposé und eine Leseprobe (von ca. 20 Seiten) beilegen, bzw. der Mail anhängen. 
Vergessen Sie nicht ihren vollen Namen, Ihre Adresse, eine Telefonnummer und Ihre E-Mail-Adresse unter die Mail zu schreiben. 

2. Mit einem Exposé (auch Synopsis oder Zusammenfassung genannt), das nicht länger als zwei Normseiten ist. (Eine Normseite sind ca. 65 Anschläge (Proportionalschrift) und 30 Zeilen mit einem Zeilenabstand von 1,5, und nicht Blocksatz.) 
Oben stehen wieder Ihr Name, Ihre Adresse, eine Telefonnummer und eine E-Mail-Adresse.
Sie nennen den Arbeitstitel (also Ihren Titel), darunter stehen die ungefähre Seitenzahl und das Genre (z.B Liebesroman, Familiensaga, historischer Roman oder Krimi etc.)

Dann fassen Sie möglichst summarisch zusammen, welche Geschichte Sie erzählen und wer Ihre wichtigsten Figuren sind. Verschweigen Sie den Plot oder das Ende nicht. Sie legen offen, was Sie in dem Roman tun, Sie machen nichts spannend und geben sich nicht geheimnisvoll. Und vermeiden Sie Bewertungen und Eigenlob. 

Wenn Sie es schaffen, dann fassen Sie das Ganze in den ersten fünf Zeilen komplett zusammen und werden in den Abschnitten danach etwas ausführlicher. Aber verwickeln Sie sich und den Lektor nicht in komplizierte Details. Verkünsteln Sie sich nicht im Exposé, es gibt dem Lektor nur eine Orientierung, es ist nicht Entscheidungsgrundlage. Sie zeigen mit dem Exposé, dass Sie die Sache professionell angehen und wissen, was Sie tun. Deshalb sind auch die Formalia wichtig wie Länge und Normseiten. (Wenn der Verlag, an den Sie ihr Skript schicken, auf seiner Internetseite seine eigenen Vorstellungen darlegt, dann halten Sie sich an das, was der Verlag wirklich haben will.)  

3. Mit einer Leseprobe. Auf der steht ebenfalls Ihr Name und mindestens die Telefonnummer und E-Mail-Adresse (am besten in der Fußzeile auf jeder Seite). 
Die Leseprobe ist das Entscheidende. Grundsätzlich können routinierte Lektoren bereits nach der ersten Seite sagen, ob die Autorin oder der Autor schreiben kann. Mehr als 5 Seiten liest der Lektor in der Regel nicht, es sei denn, er wird wirklich in den Text hineingezogen. Wenn das so ist, haben Sie gewonnen. Wenn nicht, legt er oder sie den Text weg, nachdem er 2 bis 5 Seiten gelesen hat. Sie sollten als Leseprobe die ersten 20 Seiten des Romans mitschicken, denn das sind die Seiten, mit denen Sie ihre fremden Leser/innen überzeugen wollen, den ganzen Roman zu lesen. Und die erste Seite muss so sein, dass Sie, wenn Sie das Buch in einem Laden sähen und mal anlesen würden, um zu sehen, ob sie 20 Euro dafür ausgeben wollen, es unbedingt kaufen würden. Die erste Seite muss sofort überzeugen. Das ist schwierig, ich weiß. Und bei einem Erstlingsbuch werden Lektoren sicher erst einmal weiter lesen, auch wenn sie die erste Seite nicht gelungen finden. Und sollte das Buch genommen werden, wird man Ihnen sagen, dass Sie anders anfangen müssen. Aber das kommt dann später, und dann hätten Sie sowieso schon gewonnen. 
Also schauen Sie, dass Ihre Leseprobe so beginnt, dass man in die Geschichte hineinkommt, passen Sie auf, dass Sie zu  Beginn keine gekünstelten Bilder oder langatmige Erklärungen oder Beschreibungen haben und nichts kitschig klingt. Und man muss kapieren, worum es geht, oder wer die Person ist, die erzählt. Schauen Sie, dass die Orthographie und die Zeichensetzung stimmen. Und formatieren Sie alles in Normseiten (und nicht Blocksatz!). Das alles ist zwar nicht entscheidend, aber es schafft Vertrauen. Und Vertrauen brauchen Sie als Autorin eines ersten Romans. 

Und ärgern Sie sich nicht, wenn Sie nach sechs Wochen einen Formbrief bekommen, in dem steht, dass der Roman leider nicht ins Verlagsprogramm passt. Das ist so üblich. Ein Lektor wird Ihnen nicht sagen, was ihm missfallen hat, denn er fürchtet, dass Sie mit ihm herumdiskutieren und ihn doch noch überzeugen wollen. Und er will Sie auch nicht kränken oder entmutigen. Deshalb geht er lieber nicht ins Detail. 

Wenn das alles nicht klappt, haben Sie immer noch die Möglichkeit, Ihr Skript online selbst zu veröffentlichen. Beispielsweise über Amazon als E-Book. Das kostet Sie keine Viertelstunde und keinen Cent, und Sie verdienen sogar ein bisschen Geld, wenn sich jemand das Buch herunterlädt (den Preis können Sie selber bestimmen). Und dann schreiben Sie den zweiten Roman.

Es würde mich freuen, wenn es Ihnen gelingt. Und wenn Ihr erstes Buch erschienen ist, dann schicken Sie mir ein Exemplar, ja? 

Viel Glück, 
Christine Lehmann


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